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Kann Botox bei Depressionen helfen?

Credit: Stocksy
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Es glättet die Stirn, hebt die Lippen und Augenbrauen und gilt als bewährtes Mittel, um medizinische Probleme wie starkes Schwitzen, Migräne oder lästiges Lidzucken in den Griff zu kriegen. Darüber hinaus sorgt auch ein wichtiger Nebeneffekt der Injektionen für große wissenschaftliche Aufmerksamkeit: Botox soll psychische Erkrankungen nachweislich mildern können. 

Botox gegen Depressionen? Was im ersten Moment skurril klingen mag, leuchtet über ein ganz einfaches Gedankenspiel schnell ein: Falten verändern die Mimik, stören die Schönheit, jeder Blick in den Spiegel macht schlecht gelaunt. Gleiches gilt für das nervöse Zucken des Lidmuskels. Ist in Folge einer Botox-Behandlung die Zornesfalte geglättet oder das lästige Lidzucken unter Kontrolle gebracht, empfindet man umgehend Erleichterung, denn etwas, das das Wohlbefinden bislang stark belastete, ist nun (wenigstens zeitweise) verschwunden. Man fühlt sich wie befreit. Einen ähnlich stimmungsaufhellenden Effekt kann ein Friseurbesuch, eine kosmetische Behandlung, ein Diät-Erfolg oder schlicht ein neues Make-up haben: Wenn eine Störung der positiven Selbstwahrnehmung (wenigstens zeitweise) korrigiert oder ausgeblendet wird, fühlt man sich schöner, ist selbstbewusster, besser gelaunt und kontaktfreudiger. Die äußerlich initiierte Veränderung hat also eine nicht zu unterschätzende Auswirkung auf die Seele und die psychische Verfassung. Ein Zusammenhang, der vor allem bei der Behandlung psychischer Störungen von zentraler Bedeutung ist.

Botox als Lichtblick in der Psychotherapie

Zwei Wissenschaftler, die darin wichtiges Potential zur Behandlung psychischer Erkrankungen vermuten, sind Professor Tillmann Krüger von der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie der MH Hannover sowie Dr. Marc Axel Wollmer der Hamburger Asklepios Klinik Nord-Ochsenzoll. Bereits im Jahr 2016 veröffentlichten sie im Fachmagazin American Journal of Psychiatry bahnbrechende Erkenntnisse ihrer Studien. Denn neben dem oben beschriebenen emotionalen Effekt konnten die Experten einen weiteren konkreten Zusammenhang zwischen Botox-Injektionen und der psychischen Verfassung bestätigen, den sie die sogenannte „Facial-Feedback-Schleife“ (international „Facial-Feedback-Mechanism“) nannten: Wer nicht zornig schauen kann, weil die gelähmte Muskulatur den entsprechend „bösen“ Gesichtsausdruck effektiv hemmt und schlicht nicht möglich macht, empfindet im Umkehrschluss auch den eigentlichen negativen Impuls als weniger intensiv. Die durchs Nervengift stark eingeschränkte Mimik federt die Intensität von Aggressionen, Sorgen und Stress also nachweislich ab, fördert das allgemeine Wohlbefinden, wirkt mental stabilisierend und sorgt für eine bessere innere Balance. Je nach Schwere des Falls kann eine Botox-unterstützte Behandlung auf diese Weise den Einsatz von Psychopharmaka verringern oder sogar ersetzen, wodurch sich auch die typischen Nebenwirkungen wie Lethargie, Müdigkeit und Gewichtszunahme minimieren lassen. Dazu injiziert der Arzt das Nervengift üblicherweise in die mittlere und untere Stirnpartie. Dabei wird vor allem die Muskulatur oberhalb und mittig der Augenbrauen berücksichtigt und die Zornesfalte (Glabella) gezielt blockiert. Die Wirkung hält je nach Konzentration der Botox-Lösung für etwa 3-6 Monate.

Neueste Erkenntnisse

An den Erfolg der 2016er Studien angeknüpft, setzte das Team die Untersuchung auf internationaler Ebene fort. Eine in Zusammenarbeit mit Forschern der Skaggs School of Pharmacy and Pharmaceutical Sciences at University of California San Diego groß angelegte Befragung von rund 40 Tausend Patienten bestätigte den positiven Effekt von Botox auf die Psyche abermals, entsprechende Ergebnisse wurden kürzlich in den Scientific Reports (Ausgabe Juli 2020) veröffentlicht. Wichtigste Neuerung: Wenngleich sich die Botox-Behandlung der Befragten individuell unterschied und die Injektionen nicht konsequent in die Stirn, sondern individuell variabel gesetzt wurden (etwa in die Lippen oder die Haut am Hals), berichtete die Mehrheit von einer deutlich besseren Gemütsverfassung. Ob Botox, wie die San Diego-Untersuchung nun vermuten lässt, also möglicherweise einen direkten Einfluss auf das zentrale Nervensystem hat und ob sich dann (neben Depressionen und dem von Impulsivität geprägten Borderline-Syndrom) auch andere Persönlichkeitsstörungen mit Botox therapieren lassen, werden zukünftige Studien zeigen. 

Von:
Ann-Sophie Friedrich
11. November 2020
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